julie otsuka

Buchrezension: Wovon wir träumten von Julie Otsuka

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»Auf dem Schiff waren die meisten von uns Jungfrauen.« So beginnt die berührende Geschichte einer Gruppe junger Frauen, die Anfang des 20. Jahrhunderts als picture brides von Japan nach Kalifornien reisen, um japanische Einwanderer zu heiraten. Bis zu ihrer Ankunft kennen die Frauen ihre zukünftigen Männer nur von den strahlenden Fotos der Heiratsvermittler, und auch sonst haben sie äußerst vage Vorstellungen von Amerika, was auf der Schiffsüberfahrt zu wilden Spekulationen führt: Sind die Amerikaner wirklich behaart wie Tiere und zwei Köpfe größer? Was passiert in der Hochzeitsnacht? Wartet jenseits des Ozeans die große Liebe? Aus ungewöhnlicher, eindringlicher Wir-Perspektive schildert der Roman die unterschiedlichen Schicksale der Frauen: wie sie in San Francisco ankommen (und in vielen Fällen die Männer von den Fotos nicht wiedererkennen), wie sie ihre ersten Nächte als junge Ehefrauen erleben, Knochenarbeit leisten auf den Feldern oder in den Haushalten weißer Frauen (und von deren Ehemännern verführt werden), wie sie mit der fremden Sprache und Kultur ringen, Kinder zur Welt bringen (die später ihre Herkunft verleugnen) – und wie sie nach Pearl Harbor erneut zu Außenseitern werden.

Amy Tan hat mehrere Bücher aus der Sicht chinesischer Einwanderer in Amerika geschrieben und die Einblicke waren für mich so faszinierend und interessant, dass ich jetzt bei Büchern, die derlei kulturelle Einblicke geben, direkt aufmerksam werde. Entgegen meiner Erwartung unterscheidet sich dieses Buch stark von Amy Tans Büchern; es vermittelt eine ganz andere Art Einblick.

Julie Otsuka hat ein sehr ungewöhnliches Buch geschrieben. Es gibt weder einen greifbaren Protagonisten, noch ist das Buch objektiv wie ein Geschichtsbuch geschrieben; viel mehr schafft sie durch die Wir-Perspektive dass man sich fühlt, als habe man die beschriebene Zeit mehr als nur einmal erlebt. Das klingt dann zum Beispiel so:

Wir gebaren elf Kinder in fünfzehn Jahren, aber nur sieben überlebten. Wir gebaren sechs Jungen und drei Mädchen, bevor wir dreißig waren, und dann, eines Abends, schoben wir unsere Männer von uns herunter und sagten leise: “Es reicht.” Neun Monate später gebaren wir Sueko, deren Name “Letztes” bedeutet. “Oh noch eins!”, sagte unser Mann. Wir gebaren fünf Mädchen und fünf Jungen in regelmäßigen Abständen von achtzehn Monaten, und fünf Jahre später gebaren wir Toichi, dessen Name “elf” bedeutet. Er ist das Schlusslicht. Wir gebaren, obwohl wir kaltes Wasser auf unsere Bäuche gegossen hatten und viele Male von der Veranda gehüpft waren. Ich konnte es nicht abschütteln.

Der Stil ist repetitiv, aber gerade diese Passagen führen dazu, dass man sich fühlt, als könne man die Geschichte durch ganz unterschiedliche Augen miterleben.

Alles in allem ist es ein sehr gut zu lesendes Buch (ich habe es verschlungen), welches auf unglaublich ungewöhnliche Weise Einblicke gewährt und Informationen liefert. Ich kann euch das Buch wirklich nur ans Herz legen. Ich habe noch nie zuvor ein vergleichbares Buch gelesen und mich nach dem Lesen bereichert gefühlt.

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